Ein Wagnis: Die Wiesbadener Fototage 2011

Die 7. Wiesbadener Fototage neigen sich langsam dem Ende entgegen. Wer noch einen Blick auf die 60 ausgewählten Fotografien an 18 unterschiedlichen Ausstellungsorten werfen möchte, der sollte sich beeilen. Eine der letzten Möglichkeiten, sich auf das „Wagnis Fotografie" einzulassen, gibt es während des Wiesbadener Stadtfestes am 24. und 25. September, an dem sich in diesem Jahr zum ersten Mal auch die Fototage beteiligen.

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Unter dem Motto „Wagnis Fotografie" war es in diesem Jahr laut Ausschreibung die Anforderung an die Künstler, nicht nur außergewöhnliche Themen zu wählen, sondern auch eine neue Bildersprache zu erarbeiten, Realitäten und Fiktionen künstlerisch umzusetzen und fotografische Grenzen auszuloten. Aus mehr als 300 Einsendungen wurden 60 Fotografien ausgewählt, deren thematische und inhaltliche Spanne irgendwo zwischen Risiko, Tabus, Intimität bis hin zu neuen und ästhetischen Bildkompositionen zu verorten ist.

So finden sich in den Werken Paul Schneggenburgers, die den sanften Titel „Der Liebende Schlaf" tragen (zu sehen im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst) intime Momente schlafender Liebender, die nur von der Kamera ohne der Anwesenheit des Fotografen aufgenommen wurden. Die so festgehaltenen Momente stellen sowohl für den Fotografen als auch für die Fotografierten ein Wagnis dar. Für den Fotografen, weil er das Medium Fotografie sich selbst und alle Kontrolle über das entstehende Werk dem Zufall überlässt. Für die Fotografierten, weil ein Moment der Intimität nachträglich im Bild objektiviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Auf diese Weise entsteht eine Art passiver Voyeurismus synchron zu einem verzögerten Exhibitionismus, der den Betrachter je nach Stimmungslage spiegelverkehrt mit den Fotografien Schneggenburgers verbindet.

Ebenfalls ein Wagnis, weil die Kunst der Überwindung unweigerlich dazugehört, sind für den Betrachter die Bilder von Johanna Nottenbrock, welche die Kripo Hannover einige Zeit bei der Arbeit begleitet und während dieser Zeit diverse Tatorte abgelichtet hat. Zu sehen bekommt man Bilder, die einem sonst (glücklicherweise) verwehrt bleiben, deren Suggestivkraft jedoch so stark ist, dass man sich von manchen Bildern nur sehr schwer losreißen kann, weil die eigenen Fantasie, einmal angestoßen, so schnell nicht wieder zu stoppen ist.

Wirklich an die Schmerzgrenze gehen aber erst die „Bilder der Freiheit" - Fotografien, aufgenommen mit Handykameras während der Aufstände und Demonstrationen im Nahen Osten, welche den Betrachter durch ihre Brutalität und Härte mit einer traurigen Realität konfrontieren, auf die sich einzulassen wirklich ein Wagnis ist.

Einen anderen Ansatz verfolgt Paula Winkler, die in ihren Fotografien die Abgründe und Tiefen der Anonymität des Internets auszuloten versucht. Ihre Serie mit dem Titel „Exceptional encounters-as many guys as I could get" zeigt Männer, die im Internet auf der Suche nach schnellen Abenteuern waren (oder noch immer sind?) und die sich trotz des Verlustes der Anonymität auf das Wagnis Fotografie eingelassen haben.

Wer das „Wagnis Fotografie" noch eingehen möchte, der hat noch bis zum 25. September Zeit. Die Öffnungszeiten an den 18 Ausstellungsorten sind jeweils am Wochenende, Fr., Sa. und So. von 13 bis 18 Uhr. Weitere Informationen zu den Wiesbadener Fototagen gibt es hier.

Traut euch, es lohnt sich!




Bild © Tessa Posthuma de Boer / Pressefotos http://www.galerie-lichtbild.de/wagnis/

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1 Kommentar

Das klingt nach einer lohnenswerten Ausstellung. Vielen Dank für den detaillierten und interessant geschriebenen Artikel!

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